Info-Psychologie

In der Psychologie gibt es eine ganze Reihe von Modellen, um die Funktionsweise des menschlichen Verstands zu erklären. Die Bekanntesten sind wahrscheinlich die von Jung und Freud. Aber auch der vornehmlich für seine Experimente mit LSD bekannt gewordene Timothy Leary hat sich Gedanken darüber gemacht und sein eigenes Modell entwickelt.

Learys Idee hinter seinem Modell des menschlichen Geistes war, eine Beschreibung zu finden, die zum damals aufkeimenden Informationszeitalter passte (ursprünglich Weltraumzeitalter, da es sich bei "Info-Psychologie" von 1987 um eine Überarbeitung eines Buches von 1976 handelt, als die Zukunft noch etwas anders aussah, wie wir sie heute kennen).

Laut Leary ist der Verstand in verschieden Stufen aufgeteilt, von denen er jeweils drei zu einem Abschnitt zusammenfasst.

Die erste Stufe in einem Abschnitt entspricht immer der Informationsaufnahme, die zweite der Verarbeitung und die dritte der Informationsausgabe. Heute weiß man, dass diese Trennung nicht so einfach ist, da in neuronalen Netzen schon in der Eingabeschicht Informationen vorverarbeitet werden können. Das ist zum Beispiel schon im Auge der Fall, wo die für unterschiedliche Farben empfindlichen Zäpfchen quasi schon eine Vorverarbeitung des Seheindrucks vollziehen, der Aufbau der Rezeptoren kann also streng genommen nicht vernachlässigt werden.

Für ein Modell soll die gemachte Trennung aber genügen, man sollte nur im Hinterkopf behalten, dass diese Grenzen immer willkürlich gezogen sind und dass es fließende Übergänge gibt.

Was das Modell so interessant macht, ist, dass es nicht nur versucht zu erklären, wie sich das Gehirn heute verhält, sondern auch die evolutionäre Entwicklung des Nervensystems berücksichtigt.

So entspricht der erste Abschnitt, bei dem Leary von den Bio-Überlebens-Stufen spricht, einem sehr frühen Punkt der Evolution des Nervensystems. Die erste Stufe entspricht den Wirbellosen, sie sind eher passiv und reagieren instinktiv auf Reize, die ihr Überleben betreffen. Auf der nächsten Stufe kommt die Informationsverarbeitung hinzu, eine "Bio-Überlebens-Intelligenz". Es ist dem Lebewesen jetzt möglich eine Bewertung vorzunehmen und grundlegende Einschätzungen, zu Gefahr und Sicherheit vorzunehmen. Bei Leary entspricht diese den Meereswirbeltieren oder auf den Menschen angewandt dem Säugling, der zwischen mütterlich und nicht-mütterlich unterscheidet.

Die dritte Stufe entspräche dann der Amphibie, oder dem mit der Mutter verbunden Säugling. In dieser Verbindung geht es erstmals nicht mehr um Kämpfen oder Fressen, sondern um das gemeinsame Überleben. Die dafür nötige Kommunikation wird durch die in dieser Stufe erstmals aktivierte Ausgabeschicht ermöglicht. Leary spricht in diesem Zusammenhang von "Bio-Überlebens-Fusion".

Bei der Beschreibung der verschiedenen Stufen stellt Leary auch eine Verbindung zu den Sternzeichen her und versucht Charakteristika zuzuschreiben, die diesen Sternzeichen entsprechen. Aber die Astrologie ist keine Wissenschaft und eine Verknüpfung zu einem Modell des Geistes vielleicht eher zweifelhaft insbesondere, da Sternzeichen schon mit Bedeutungen und Menschen verknüpft sind und eine neue oder ergänzende Bedeutungszuweisung dadurch Vorurteile und Voreingenommenheit gegenüber dieser Person fördern kann.

Auf das Bio-Überleben folgen die Säugetierstufen, die Leary evolutionär mit frühen Säugetieren, dann Raubsäugern und schließlich mit Jägern und Sammlern identifiziert.

Auf der ersten Stufe tritt der Fluchtreflex in Erscheinung. Für das Kind ist dies die Zeit, in der es anfängt, zu krabbeln. Erst auf der fünften Stufe, der "Emotionalen Intelligenz" kommt eine neue Verarbeitungsschicht hinzu, die es ermöglicht das eigene Territorium einzuschätzen und eine Hierarchie der Dominanz zu verarbeiten. In der "Emotionalen Fusion" erscheint eine weitere Ausgabemöglichkeit für die Kommunikation in der Gruppe. Erst damit können sich gesellschaftliche Netzwerke bilden, die beim Homo sapiens womöglich für die Bildung der Jäger-und-Sammler-Kultur verantwortlich zeichnen (aber da es sich im Wesentlichen um Analogien handelt natürlich auch bei Insekten- oder anderen Tierkolonien zu finden sind, sofern eine Gruppenkommunikation zu beobachten ist).

Schaut man sich die verschiedenen Stufen an, so stellt man bald fest, dass ihre Beschreibung durchaus nützlich im Umgang mit anderen Menschen sein kann, denn wenn man versteht, was das Gegenüber bewegt, so kann man die eigene Kommunikation oder das eigenen Verhalten viel gezielter auf die Bedürfnisse des Anderen einstellen. Man merkt rasch, dass die Unterschiede nicht nur auf Geschlechterrollen zurückzuführen sind (das wäre ja auch zu einfach), sondern auch durch die Vorherrschaft einer (oder auch mehrerer) Stufen in der Persönlichkeit des jeweiligen Menschen. Ganz abgesehen davon, dass man auch das eigenen Verhalten besser einschätzen kann, wenn man sich erstmal Gedanken darüber gemacht hat, wie der eigene Geist funktioniert.

Auf der siebten Stufe kommt schließlich die Aufnahme von Symbolen hinzu und stammesgeschichtlich die Benutzung von Werkzeugen und der Kehlkopfmuskulatur für erste Lautäußerungen. In erster Linie handelt es sich aber noch um eine passive Wiederholung, während erst auf der achten Stufe die Symbolverarbeitung in Erscheinung tritt. Auf dieser Stufe können Symbole mit Bedeutungen in Verbindung gebracht werden – Sprache wird erlernt. Auf der neunten Stufe kommt es wieder zur Kommunikation mit den jetzt neu zur Verfügung stehenden Mitteln. Diese Stufe ist auch für Kreativität und schöpferische Tätigkeit verantwortlich. In der menschlichen Entwicklung entspricht diese Stufe am ehesten dem vorpubertären Alter, wenn der Jugendliche einen eigenen Kommunikationsstil entwickelt.

Timothy Leary hat sich aber nicht nur darauf beschränkt, die Entwicklung des Geistes bis heute zu beschreiben, er hat auch versucht, darüber hinaus zu gehen und aufzuzeigen, wie die zukünftige Entwicklung aussehen könnte.

Die 10. Stufe mit ihrer sexuellen Empfänglichkeit gehört aber noch nicht in die Zukunft, sondern ist doch sehr gegenwärtig. Auf dieser Stufe steht die Reaktion auf sexuelle Stimuli. Damit identifiziert Leary in erster Line machohaftes Verhalten. Für den Jugendlichen entspricht das der Pubertät, in der die sexuelle Prägung stattfindet.

In der Verarbeitungsstufe geht es auf der 11. Stufe in Richtung sexueller Domestizierung und Elternschaft (natürlich gehören Eltern nicht automatisch zu dieser Stufe), aber es entwickeln sich auf dieser Stufe familienorientierte Gesellschaftsformen. Die 12. Stufe schließlich beschreibt Leary mit sozialistischem Kollektivismus und hier merkt man dann auch, dass dieses Modell nicht unabhängig von dem Kontext betrachtet werden kann, in dem es entstand - Mitte der siebziger Jahre. So ist es nicht verwunderlich, dass gesellschaftliche Konzepte, die inzwischen wieder verworfen werden, damals als realistische Entwicklungsstufen herangezogen wurden. Heute muss man diesen Abschnitt wohl eher mit der globalisierten Konsumwelt identifizieren, aber da Konsum eher passiv verbrauchend ist, könnte das auch schon wieder eine zukünftige Stufe sein.

Timothy Leary führt sein System mit zwölf weiteren sog. außerirdischen Stufen fort, für die an dieser Stelle leider der Platz fehlt. Leary ging davon aus, dass sich die folgenden Stufen der geistigen Evolution in Richtung Bewusstseinsintelligenz entwickeln, die in der eigenen Körper- und Realitätswahrnehmung fußen. Man erkennt, dass diese Spekulation auch mit Learys Erfahrungen mit psychoaktiven Drogen, wie LSD, zurückzuführen sind. Heute werden die Wahrnehmungen mit LSD und verwandten Drogen allerdings eher auf Musterbildung im Gehirn zurückgeführt, wobei die Neuronen unter Drogeneinfluss nicht mehr korrekt miteinander kommunizieren, aber das ist eine andere Geschichte.

Letztendlich sind alle Versuche, den Verstand zu verstehen, nur Modelle, bei denen es eigentlich nur darum geht, welches am wenigsten danebenliegt. Und tatsächlich funktioniert ja auch das Modell von Freud immer noch recht gut. Vielleicht sagen die verschiedenen Ansätze von Jung, Freud und Leary deshalb mehr über den Psychologen als über den Patienten aus.


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