Worte Wahrheit Wissenschaft

Die Welt um uns herum beschreiben wir mit den Worten unserer Sprache, meistens versuchen wir dabei das was wir wahrnehmen möglichst wahrheitsgetreu wiederzugeben. Aber unsere Wahrnehmung wird auch von unserer Sprache geprägt, so können wir zum Beispiel kaum vorstellen, wie in Grönland 49 Schnee- und Eisarten auseinanderhalten und bezeichnen können - Das die Inuit mehr kennen würden ist eine Legende, in Inuktitut gibt es nur zehn Worte für Schnee. das liegt zum einen daran, dass wir in Mitteleuropa selten mit so viel Schnee konfrontiert werden, aber auch während eines kurzen Urlaubs am Nordpol werden wir nur einen Bruchteil der Schneearten auseinanderhalten können, weil uns das gedankliche Konzept dazu fehlt - aber natürlich kann man es erlernen.

Es zeigt sich, dass Wahrnehmung und Sprache eng miteinander verknüpft sind, sogar das Denken selbst wird von Wahrnehmung und Sprache beherrscht, was immer einen dieser Aspekte beeinflusst ändert auch die anderen beiden.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Wahrheit, bei Zeugenaussagen findet man in der Regel, dass es genauso viele Wahrheiten wie Zeugen gibt - selbst dann, wenn die Zeugen nicht mutwillig die Unwahrheit sagen. Die Wahrheit ist ein sehr persönliches Phänomen, das von unserem Denken und damit auch von der uns zur Verfügung stehenden Sprache abhängt - eine Erkenntnis die bereits 1948 von George Orwell in dem Roman "1984" verarbeitet wurde.

Und als ob die Beschreibung von Wetterphänomen und Verkehrsunfällen nicht schon schwierig genug wäre, versuchen Wissenschaftler eine Welt zu beschreiben, die auf kosmischen und mikroskopischen Skalen ohne Hilfsmittel überhaupt nicht wahrnehmbar ist.

Die Quantenmechanik ist in diesem Zusammenhang ein besonders kritischer Fall, sie macht vorhersagen über eine Welt die sich fast gänzlich unserer Anschauung entzieht. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Richard P. Feynman noch 1979 behaupten konnte: "... Ich denke, ich kann davon ausgehen, dass niemand die Quantenmechanik versteht".

Aber das hat sich geändert, die Sprache hat aufgeholt und es gibt inzwischen Begriffe, die die seltsamen Phänomene in Worte fassen können. Zum Beispiel kennt man Teilchen, die über Raum und Zeit in Verbindung stehen können ohne tatsächlich Daten auszutauschen. Diesen Zustand nennt man heute Verschränkt, was sich sehr treffend anhört. Früher sprach man von einer Überlagerung, was aber nicht so gut passt, da man hier ein Bild vor Augen hat in dem zwei Zustände gleichzeitig übereinanderliegen, wohingegen nach heutiger Vorstellung eher ein weder noch zutreffen würde.

Berühmt ist auch der Begriff des Welle-Teilchen-Dualismus aber was er beschreibt ist mit dem menschlichen Geist nicht nachvollziehen, Teilchen sind nun mal keine Wellen. Aber auch das Problem kann sprachlich umgangen werden, indem man sich nicht mehr mit Dualismus herumschlägt, sondern Wellenpakete betrachtet.

Alles was wir als Teilchen ansehen sind in Wirklichkeit Pakete von Wellen, die sich aus unterschiedlichen Wellenlängen zusammensetzen und in der Überlagerung die Eigenschaften des Teilchens - Energie, Geschwindigkeit usw. - ausmachen.

Worüber sich frühere Physikergenerationen noch den Kopf zerbrochen haben, weil sie komplizierte Formeln interpretieren mussten, die nicht der gewohnten Welt entsprachen, ist heute für Studenten leichter zugänglich, weil man Begriffe besitzt, unter denen man sich etwas vorstellen kann.

Diese neuen Begriffe fallen aber nicht vom Himmel, ihre Entstehung verdanken sie manchmal genialen Wissenschaftlern, die in der Lage sind ein Phänomen in der Alltagssprache zu beschreiben aber auch den Wissenschaftsjournalisten, die sich bemühen immer wieder den Kontakt zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit herstellen.

So breiten sich auch seltsamste Konzepte in den Gehirnen der Menschen aus und wenn zu Beginn nicht gleich jeder versteht was da schon wieder neues entdeckt wurde fließt dieses Wissen in den Alltag und auch in SF-Serien ein und führt so zu einem Bewußtseinswandel. Nach einigen Jahren oder Generationen ist die neue Erkenntnis zum Allgemeingut geworden und man wundert sich, warum sich die Leute früher so schwer damit getan haben.

Aber was hat die Wissenschaft und die neue Entdeckung mit der Wahrheit zu tun? Wir haben schon gesehen, dass der Zusammenhang zwischen Sprache und Wahrnehmung ein sehr individueller ist. Die Wissenschaftler bemühen sich natürlich ein Weltbild zu schaffen, dass die beobachtete Welt so gut wie möglich beschreibt.

Diese Beschreibung erfolg in der Sprache der Mathematik, in der Theorien entwickelt werden, die dann durch Beobachtung und Experiment bestätigt oder widerlegt werden. Aber diese Mathematik muss wieder in gesprochene Sprache übersetzt werden und dieser Interpretationsvorgang ist erneut ein sehr individueller Vorgang.

Schaut man sich dazu nochmal die Quantenmechanik an so findet man, dass der Ausgang eines Experiments nicht immer eindeutig vorhersagbar ist. Berühmt geworden ist dabei Schrödingers Katze. Das Leben der Katze, die sich in einer Kiste befindet, hängt in diesem Gedankenexperiment von einem radioaktiven Atom ab, das in der Beobachtungszeit entweder zerfällt oder nicht. Schaut man nach einer gewissen Zeit nach der Katze, man sieht dass sie entweder tod ist oder lebt. Die Frage, über die sich die Quantenphysiker lange den Kopf zerbrochen haben war aber, was geschieht mit der Katze solange der Deckel geschlossen ist.

Schrödinger meinte dazu, dass sich die beiden Zustände überlagern und die Katze weder tod noch lebendig ist, solange niemand in den Kasten schaut. Wigner, ein Kollege Schrödingers hat den Gedanken weitergeführt und gefragt, warum die Zustandsfunktion - der physikalische Ausdruck für das Dilemma in dem sich die Katze befindet - zusammenbrechen sollte, wenn er nachschaut und nicht erst wenn er selbst von einem Freund beobachtet wird. Wigners Freund könnte natürlich auch wieder von einer weiteren Person beobachtet werden und so gäbe es keinen Grund anzunehmen, warum die Zustandsfunktion jemals in einen fest definierten Zustand übergehen sollte - es sei denn Gott beobachtet alle, aber wer beobachtet Gott.

Diese Lösung war unbefriedigend, also versuchte man eine andere Interpretation. Man behauptete, das Universum würde sich mit jeder zu treffenden Entscheidung in mehrere Multiversen spalten, so dass jede erdenkliche Möglichkeit tatsächlich in dem einen oder anderen Universum verwirklicht wird. Auch diese Lösung ist nicht unbedingt überzeugend, denn danach müßte es inzwischen fast unendlich viele Universum geben, da sogar ein Gasmolekül ständig seine Bewegungsrichtung ändert, mit anderen Molekülen zusammenstößt und dem Zufallspfad der Brownschen Bewegung folgt und für jede Richtungsänderung müßte sich das Universum in unendlich viele Multiversen spalten.

Heute können wir all diese Schwierigkeiten umgehen, denn statt den Beobachter aus der Gleichung rauszunehmen muss man berücksichtigen, dass die Katze nicht allein im Universum ist. Selbst wenige Atome, die mit ihr kollidieren könnten in der Lage sein, die Zustandsfunktion zusammenbrechen zu lassen. Der aktuellen Interpretation genügt also irgendeine Wechselwirkung, um eine Entscheidung herbeizuführen. Ledigleich in Ausnahmen kann man den Zusammenbruch der Zustandsfunktion hinauszögern, das ist der Fall, wenn sich Teilchen verschränken und einen gemeinsamen Zustand einnehmen.

Ob das die letztendlich und ewig gültige Interpretation der Quantenmechanik bleibt kann niemand sagen. Die Wissenschaft schreitet voran und mit ihr unser Verständnis der Welt. Neue Erkenntnisse führen zu neuen Interpretationen, die sich schließlich auch in der Gesellschaft außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde durchsetzen, nur um dann wieder über den Haufen geworfen zu werden.


Kommentare, Fragen und Anmerkungen (Forum)

<

Leider keine Einträge. [sad]

Mehr zum Thema:

Counting Eskimo Words for Snow